Kriegerkatzen

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 Buchwein

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BeitragThema: Buchwein    Sa Nov 24, 2012 10:02 pm

    Plötzlich wurde alles dunkel.
    Ich befürchtete für einen schrecklichen Augenblick, das Bewusstsein verloren zu haben. Kein Wunder, bei der Menge an unberechenbaren toxischen Substanzen, die ich im Qualmoir zu mir genommen hatte! Aber dann fiel mir ein, dass man sich eigentlich keine Sorgen mehr darüber machen kann, wenn man tatsächlich das Bewusstsein verloren hat.
    Der nächste Gedanke war, dass ich vielleicht schlagartig das Augenlicht verloren hatte. So was kam vor, davon hatte ich gelesen. Aber beinahe im gleichen Moment setze mein Sehvermögen auf eine verblüffende Weise wieder ein: Mir war, als würde ich wie ein Wurm durch lockeres Erdreich ins Licht kriechen. Über mir spannte sich ein strahlendblauer Himmel, durch den weiße Wolken zogen. Aber wenn ich weder bewusstlos noch blind geworden war, dann hatte ich doch zumindest den Verstand verloren, oder? Eben saß ich noch in einer lärmigen Kneipe voller Leute, und jetzt befand ich mich plötzlich mutterseelenalleine... - ja, wo eigentlich? In einem Wald offensichtlich, denn ich war umgeben von jungen Bäumen. Und nicht nur das. Ich war offensichtlich selber ein Baum! Oder was sonst wächst mitten im Wald aus dem Boden und wirft kleine grüne Tentakeln? Wenn das nicht die Symptome einer gerade ausgebrochenen Hirnkrankheit waren, was war es dann?
    Ich war ein Baum, na gut. Ein sehr kleiner Baum noch, ein Schößling, der gerade erst zaghaft durch den Waldboden gekrochen war. Aber ich wuchs, und wuchs sehr schnell. Ich stieg höher und höher, und über mir wechselte Tag und Nacht in wildem Wirbel ab. Die Sonne rollte immer wieder in Sekunden über mich hinweg, ging auf und unter, ging auf und unter. Sie wechselte sich ab mit de Mond, der atemberaubenden Tempo immer wieder ab- und zunahm, Monate vergingen in wenigen Augenblicken. Ich entwickelte kleine Äste, trieb Wurzeln, ließ Blätter wachsen, ich wucherte in alle Richtungen, bis ich im Handumdrehen von einem dichten Geflecht aus Ästen und Blättern umgeben war - ich war eine stattliche Pappel geworden, auf deren Äste die Vögel nisten und die Eichhörnchen herumkletterten. Mal umgaben mich dunkler Waldboden, dann buntes Laub, dann wieder blendendweißer Schnee, die Jahreszeiten kamen und gingen so rasch und regelmäßig wie Schläge eines Metronoms. Ich hatte mich beinahe schon mit meiner dauerhaften und friedlichen Pappelexistenz abgefunden, dann fiel ich plötzlich um.
    Bumm!
    Ich war gefällt worden.
    Ich wurde weggetragen, ins Wasser geworfen, und dann trieb ich mit vielen anderen Baumstämmen einen Fluss hinunter, zuerst langsam, dann immer schneller. Es strudelte und gischtete um mich herum, und mit einem Mal war ich kein Baumstamm im Wasser mehr, sondern ein Gedanke! Besser: Eine Kette von Gedanken, eine Schlange aus Wörtern, kurz: ein ganzer Satz, der gemeinsam mit vielen anderen Sätzen einen Gedankenstrom hinabtrieb, durch die Gänge eines Dichterhirns, in dem sich gerade ein ganzer Roman formte. In diesem Strom trieben wie Ertrinkende die Protagonisten des Romans, die sich dabei druchreife Sätze zuriefen wie etwa: »Oh Hector - meine Liebe zu Dir ist so hoffnungslos wie die Sehnsucht nach warmen Gletschern!« Ja, meine geliebten Freunde: Ich war offensichtlich wahnsinnig geworden.
    Oder? Im nächsten Augenblick umspühlte mich erneut die Gischt, ich war wieder ein Baumstamm im Fluss, und die Fahrt verlangsamte sich. Mit all den anderen Stämme trieb ich auf einem mächtigen Gebäude mit hohen Kaminschloten zu, ab dem man das irre Gekreische von Kreissägen vernahm - das war eine Papierfabrik! Und das Ende meiner Pappelexistenz, denn im Nu wurde ich systematisch in kleinere Portionen zerteilt. Zuerst in dicke Scheiben zersägt, dann in dünne Hölzer aufgeschnitten, in kleine Würfel zerhackt, zu Spänen geschreddert und schließlich in kleinste Fasern zerrissen. Dann wieder gewässert und zu Brei verrührt, in dünnmatschigen Sieben aufgefangen und schließlich luftgetrocknet - ich war Papier geworden!
    Aber nicht für lange, meine Freunde! Denn kaum hatte man mich getrocknet und gestapelt, da wurde es wieder dunkel und ich war mit einem Mal - eine Sorge! Ja ich war eine nagende Sorge, und zwar im zermarterten Gehirn eines Verlegers, der verzweifelt darüber grübelte,wie er seinen beinah bankrotten Verlag wieder auf Vordermann bringen konnte. Er stapfte ruhelos in seinem Verlegerbüro herum, schrie die Möbel an, trat Bücherstapel um und verfluchte wechselhaften und unberechenbaren Publikumsgeschmack - und dann wurde ich plötzlich von der nagenden Sorge zu einer rettenden Idee! Ja, ich wurde zu dem glorreichen Einfall, einem erfolgverwöhnten Autor einen Roman abzuschwatzen, der sich mit dem richtigen Titel zu einem Kassenknüller entwickeln könnte - nein, müsste! Und sogleich begann der Verleger mit dem Aufsetzen eines Briefes, er giff zu Feder, zu Papier ...ja, da war ich schon wieder Papier! Ich wurde in einen Presser gespannt, mit einem Falzbein geglättet, eingefeuchtet, und dann senkte sich der Druckerschwärzer beschmierte Leternblock unbarmherzig auf mich herab und tätowierte mich mit seinem Text. Ich spürte, wie es ist, bedruckt zu werden! Als es danach wieder hell wure, klemmte ich mit vielen anderen Papieren iin einem Schraubstock, wie ein Delinquenten einer inquisitorischen Folter. Wir wurden mit dünnen Nadeln durchstochen, einer Fadenheftung versehen, tüchtig geleimt und schließlich mit einem schönen, ledernen Umschlag umklebt. Ich war jetzt ein Buch!
    Aber kaum hatte ich mich an diesen Gedanken gewöhnt, da war ich schon wieder eine Sorge! Doch diesmal nicht im Gehirn eines Verlegers, sondern im Kopf des Schriftstellers, der den Roman verfasst hatte. Und ich war nur eine Sorge von vielen: Wie sich der Roman wohl verkaufen würde; was Freunde und Kritiker darüber denken und schreiben könnten; ob der Titel (Sehnsucht nach warmen Gletschern) auch richtig gewählt war; ob der Schutzumschlag nicht doch besser nicht besser grün statt gelb gewesen wäre; ob die Häufung der Parenthesen im Text nicht vielleicht zu inflationär erschien; ob ihm nach diesem Meisterwerk jemals noch etwas ähnliches Vollkommenes gelingen würde und viele andere Befürchtungen mehr. Dann betrank sich der Dichter, fing an zu weinen, die Sicht wurde verschwommen und ich war wieder ein Buch, zack! Ein Buch, das in einer Buchhandlung lag, von einer Hand ergriffen, an der Kasse bezahlt, nach Hause getragen und geöffnet wurde, und dann befand ich mich erneut in einem Strom von Gedanken, von makellosen, perfekt lektorierten Sätzen, die sich aus dem Buch in das Hirn des Lesers ergossen - ich wurde gelesen!
    Und - Peng! - war es plötzlich wieder hell. Ich saß in der Kneipe, mit einem leeren Glas Wein in der Hand, die Leute und der Lärm waren schlagartig wieder da. Ich war weder ohnmächtig noch blind noch verrückt geworden. Ich hatte lediglich einen Buchwein getrunken und einen Buchweinrausch durchlebt. Plötzlich stand etwas echsenartiges vor mir und flüsterte;

    »Wanderer, kommst du nach Buchhaim
    Dann bring ein Buch heim!
    Ja, bring ein Buch heim!
    Wanderer, du bist in Buchhaim
    Dann trink vom Buchwein!
    Ja, trink vom Buchwein!
    Denn Wanderer, trinkst du vom Buchwein
    Dann wirst du ein Buch sein
    Ja - du wirst ein Buch sein.«


    Ich schenkte dem Kellner nur einen misstrauischen Blick, drückte ihm einen Summe von Geld in die Hand und mit einem Schmunzeln im Gesicht verließ ich die Kneipe.
    Ja, meine lieben Freunde! Trinkt auch ihr vom Buchwein, ja, dann werdet auch ihr ein Buch sein.

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BeitragThema: Re: Buchwein    So Nov 25, 2012 2:27 pm

ok, ein bisschen viel auf einmal, aber sonst richtig gut!
übrigens: du darfst stolz sein, das erste, wo ich wusste es dauert lange, und ich habe mir trotzdem die mühe gemacht, es durchzulesen XD
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